Mit 38 auf dem Motorrad – wie alles begann

30. Mai 2020 – der Tag an dem sie zu mir kam. Meine Honda CMX 500 Rebel, frisch vom Händler.

Es war ein ganz normaler Abend auf dem Sofa. Mein Mann schaute auf YouTube mal wieder Motorradvideos, wie er das 2019 ziemlich oft tat – und ich saß daneben. Reisen, Pässe, weite Straßen. Ich schaute mit, ohne groß darüber nachzudenken.

Dann dreht er sich zu mir und sagt: „Ich glaube, ich will wieder Motorrad fahren. Hättest du Interesse?“ Kurze Pause. „Aber hinten drauf mitfahren – das kommt nicht in Frage.“

Uff.

Das war eine Ansage. Ich war unsicher. Nicht weil mich die Idee nicht reizte – sondern weil ich schlicht nicht wusste, ob ich das überhaupt hinbekommen würde. Mit 38. Als Frau. Ohne jede Vorerfahrung.

Der Schnupperkurs im November

Mein Mann recherchierte, wie er das immer macht – gründlich. Er fand eine Fahrschule, die Schnupperkurse anbot. Einfach mal ausprobieren, ohne Druck. Wir meldeten uns an.

Der Termin war im November. Kalt, grau, nicht gerade einladend. Aber ich zog mich in die bereitgestellte Schutzausrüstung, bekam eine kurze Einführung – und dann saß ich auf einer Honda CMX 500 Rebel.

Ein paar Runden über das abgesperrte Gelände. Slalom. Anfahren. Bremsen. Und irgendwo in diesem Vormittag verschwand die Unsicherheit. Nicht komplett – aber genug, um zu wissen: Das kann ich lernen.

Noch am selben Tag haben wir uns für das Folgejahr angemeldet.

Eine Woche, ein Führerschein – und Corona

Das Besondere an dieser Fahrschule: Der Führerschein wird in einer einzigen Woche gemacht. Freitag Auftakt, nächsten Freitag praktische Prüfung. Für mich ideal – kein Vergessen zwischen den Stunden, jeden Tag auf dem Motorrad, ein echter Rhythmus.

Was ich vorher nicht ganz einkalkuliert hatte: Es ist auch unheimlich anstrengend. Wer noch nie Motorrad gefahren ist, unterschätzt wie viel Arbeit allein die Kupplung macht – gerade am Anfang, bei den Grundfahraufgaben, ist sie ständig im Einsatz. Nach ein paar Tagen meldete sich mein Arm. Die Muskeln, die da beansprucht werden, kannte ich einfach nicht. Aber ich habe durchgehalten.

Geholfen hat dabei auch das Konzept der Fahrschule selbst. Wir fuhren in kleinen Zweierteams – ein Fahrlehrer, zwei Fahrschüler. Wenn man selbst nicht dran war, schaute man dem anderen zu. Und auch das ist Lernen. Man sieht Fehler, sieht Lösungen, begreift Dinge die sich beim eigenen Fahren noch nicht erschlossen haben.

Abends saßen wir alle zusammen im Hotel – die Fahrschule hatte uns dort untergebracht, was diese Woche zu etwas Besonderem gemacht hat. Man fachsimpelte, lernte sich kennen, lachte. Und wenn jemandem etwas nicht gleich geklappt hatte, sprach man sich gegenseitig Mut zu. Dieses Gemeinschaftsgefühl hätte ich nicht erwartet – und ich vermisse es ein bisschen, jetzt wo ich daran zurückdenke.

Ich entschied mich bewusst für ein kleineres Motorrad. Ich bin nicht groß, und ich wollte mit beiden Beinen sicher auf dem Boden stehen können. Also wieder die CMX 500 Rebel – meine alte Bekannte vom Schnupperkurs.

Beinahe wäre der Kurs ausgefallen. Corona. Beschränkungen, Unsicherheit, alles auf der Kippe. Dann die Erleichterung: rechtzeitig gelockert. Unser Kurs war der erste, der in diesem Jahr wieder stattfinden konnte.

Als der Prüfer mir sagte, dass ich bestanden hatte, war ich glücklich. Und stolz. Wirklich stolz.

Das Motorrad stand schon in der Garage

Noch eine kleine Randnotiz: Mein erstes Motorrad hatte ich bereits zwei Monate vor der Prüfung gekauft. Wer errät welches? Richtig – eine Honda CMX 500 Rebel. Manche Entscheidungen treffen sich selbst.

Dann kam die Deutschlandtour

Einen Monat nach der Prüfung starteten wir zu einer Deutschlandrundtour. Drei Wochen. Mein erstes großes Abenteuer auf zwei Rädern.

Was ich in dieser Fahrschulwoche zum ersten Mal gespürt habe, begegnet mir seitdem immer wieder auf Reisen. Nicht bei jedem Motorradfahrer – das wäre gelogen. Aber die, die mit dem Motorrad reisen, haben meistens etwas Besonderes. Eine Offenheit. Man kommt ins Gespräch, teilt eine Route, empfiehlt eine Straße. Das gehört für mich heute genauso dazu wie der Fahrtwind.

Und diese Deutschlandtour hat mich verändert – als Fahrerin. Ich kann es kaum anders ausdrücken als so:

Vor dieser Tour ist mein Motorrad mit mir gefahren. Danach bin ich mit dem Motorrad gefahren.

Was genau auf dieser Tour passiert ist, was ich gelernt habe, wo wir waren – das erzähle ich euch im nächsten Artikel.

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